Der US-Wahlkampf und die Katastrophen-Taktik
Im Wahlkampf wird immer viel geredet, und es wird Schaum geschlagen, und das nicht gerade wenig. Das ist in jedem freien Land dieser Welt so – ganz besonders aber in den USA. Nun kommt aber der ganzen Wahlkampfmaschinerie das reale Leben in die Quere. Morgen soll in Minneapolis-St. Paul der Parteitag der Republikaner beginnen.
Alles war schön und bis auf das kleinste Detail geplant. Und dann wankt plötzlich die ganze Sache und die Tagesordnung muss gekippt werden. Denn drei Jahre nach dem viele Menschenleben und viele Existenzen zerstörenden Hurrikan „Katrina“ kommt neues Unheil für die in vielen Teilen zerstörte Stadt auf. Ein Hurrikan namens „Gustav“ rast auf die Stadt zu und wird möglicherweise mehr Schäden anrichten, als es bereits „Katrina“ tat. Und plötzlich sind sie nicht mehr wichtig, die Wahlprogramme, die großen Reden um die Unterschiede in Wirtschaftspolitik, Außenpolitik und auch Wirtschaftspolitik. Nun geht es um das wahre Leben und daran, wie die beiden Präsidentschaftskandidaten – John McCain und Barack Obama- mit dieser Krise umgehen. Der eine tut, was der „gute“ US-Amerikaner in solchen Situationen zu tun pflegt, er betet. Und zwar nicht für irgendetwas, sondern dafür, dass die Deiche halten mögen. Der andere inspiziert derweil in der Sturmzone die Vorbereitungen auf die zu erwartende Flut, die „Gustav“ wohl mit sich bringen wird.
Derweil hat der noch amtierende US-Präsident Bush seine Teilnahme am Parteitag seiner eigenen Partei abgesagt. Dies tut er wohl auf den Ratschlag seiner Berater, damit nicht noch einmal neues Ungemach über ihn hereinbricht wegen eines Hurrikans. Vor drei Jahren war er von vielen Seiten scharf kritisiert worden, da er auf „Katrina“ um einiges zu spät und dann auch noch falsch reagiert hatte.
Der zukünftige Präsident der USA wird also genau zu dieser Zeit an dem gemessen werden, wie er nun handelt. Eine Million Menschen sind inzwischen auf der Flucht vor „Gustav“, Inzwischen kommt es auch zu Zwangsevakuierungen in New Orleans. Zwar hat keiner der beiden, weder Obama noch McCain, irgendeine Art von Entscheidungskompetenz im gegenwärtigen Stadium. Dennoch werden sie genau an dem gemessen werden, was sie nun sagen, was sie nun tun. McCain sagte inzwischen einem Interview, dass im Falle des Eintretens einer Naturkatastrophe eine Veranstaltung wie der Republikaner-Parteitag völlig unpassend wäre. Derweil will er mit Sarah Palin, seiner frisch ernannten Kandidatin für die Vizepräsidentschaft noch heute nach Mississippi reisen. Dort will er mit Menschen reden, die in Erwartung des Hurrikans sind und sich darauf vorbereiten.
Von Obama selbst kommt hingegen aller anderen Erwartungen bis jetzt nichts Konkretes. Er erwägt zwar, gemeinsam mit seinem Vizepräsidentschaftskandidaten, Joe Biden, in die Krisenregion zu reisen, befürchtet aber zugleich, dass ein Besuch vor Ort die Vorbereitungen auf die Katastrophe stören können. Dies sagte er in einem Gespräch mit dem Fernsehsender „CBS“ ebenso wie er meint, dass er hofft, dass die Verantwortlichen aus den Erfahrungen mit „Katrina“ vor drei Jahren gelernt hätten. Außerdem betonten er und Joe Biden, dass eine Evakuierung, die gut organisiert sei, wohl der Schlüssel zum Schutz der Region sei, die von „Gustav“ bedroht wird. “Letztes Mal hat das nicht geklappt”, sagte er zu den Geschehnissen vor drei Jahren. Und fügt hinzu: “hoffentlich haben wir aus der Tragödie gelernt.” Joe Biden fügte Obamas Worten noch hinzu: “Es sieht so aus, als seien sie unglaublich gut vorbereitet, viel besser als früher.” Ob dies also politische Aussage reichen wird, mag bezweifelt werden. Nun aber sind keine großen Worte mehr und die Erinnerung an die Vergangenheit gefragt, sondern nun geht es um die Realität im Hier und Jetzt. Hurrikan „Gustav“ wird also, obwohl niemand ihn eine Erlaubnis dafür erteilt hatte, mit über den Ausgang des Wahlkampfs bestimmen. Im November, wenn die Präsidentschaftswahlen in den USA stattfinden, wissen wir, wer im Sinne des Volkes gehandelt haben wird in diesen Stunden des Sturms.
