Die Buchpreisbindung
Ich bin nicht sicher, ob es allgemein bekannt ist, dass es in Deutschland eine Buchpreisbindung gibt. Viele Menschen denken, dass sie Bücher in großen Läden bzw. im Internet billiger bekommen können als in kleinen Buchhandlungen. Das ist – soweit es sich nicht um antiquarische Titel, um gebrauchte, so genannte Mängelexemplare oder um ausländische Bücher handelt – nicht der Fall!
Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass der Endkunde, also der Käufer eines Buches, immer den gleichen Preis zahlt, egal ob er in einem kleinen Dorf in einem Kiosk, der nur ein paar Bücher vorrätig hat, einkauft oder aber in einer der großen Ladenketten.
Warum ist das so? Welchen Sinn hat das? Ist die Buchpreisbindung überhaupt sinnvoll?
Normalerweise gibt es bei praktisch allen Produkten nur „uvp“ d.h. eine unverbindliche Preisempfehlung; das bedeutet, dass der einzelne Händler kalkulieren kann, ob er das jeweilige Produkt ein wenig billiger oder ein wenig teurer machen kann, für den Kunden ist die unverbindliche Preisempfehlung dann nur ein grober Anhaltspunkt.
Bei Büchern ist das deshalb anders, weil Bücher als wichtiges Kulturgut gelten. Lesen bildet, es macht Kinder schlau, bereichert Erwachsene, nicht nur Klassiker sind wichtig für die intellektuelle Identitätsbildung eines Landes, sondern auch die zeitgenössische Literatur.
Das Anliegen ist ein grundsätzlich sehr demokratisches: jeder Mensch in Deutschland soll egal wo er wohnt, egal wo er einkauft, den gleichen Preis für ein Buch bezahlen. Er soll keinen Nachteil haben, wenn er nun mal zufällig weit weg von einem großen Einkaufszentrum wohnt. Auch für Schulkinder ist es sinnvoll, wenn für die Schulbücher und für die Klassenlektüre ein fester Preis bezahlt wird und man nicht unnötige Zeit mit Feilschen um den besten Preis vertun bzw. verschiedenste Angebote vergleichen muss, wie das etwa der Fall ist, wenn man einen Ratenkredit oder ein Girokonto beantragen oder etwa eine geeignete Methode zur Altersvorsorge heraussuchen will.
Doch seien wir ehrlich: noch wichtiger als für den Leser ist die Buchpreisbindung für den verbreitenden und auch für den herstellenden Buchhandel. Die Gewinnspannen sind im Buchhandel im Vergleich zu anderen Branchen ziemlich gering, es ist sowieso schon ein harter Kampf ums Überleben. Wenn nun die Buchpreisbindung fiele, dann würde das bedeuten, dass der kleine Buchhändler um die Ecke, der mit der persönlichen Beratung, mit der individuellen Auswahl aber mit weniger Finanzkraft als die großen Ketten, seine Bücher teurer anbieten müsste als die Buchhandelsketten. Man kann das jetzt schon sehen bei CDs oder DVDs, die ja auch über den Buchhandel bezogen werden können, aber die nicht Preis gebunden sind: die einzelne Musik-CD wird im kleinen Laden teurer sein müssen als bei den großen Anbietern. Wie lange sich dann ein kleiner Laden hält, der immer alles teurer verkauft als die großen, kann man sich ausrechnen. Man mag nur mal nachdenken, wie viele kleine Plattenläden es noch gibt – praktisch keine mehr.
Die Buchpreisbindung dient also dem Erhalt von vielen Buchläden, sie dient der Vielfalt, sie sorgt dafür, dass es noch Nischen gibt, dass nicht nur Bestseller günstig verkauft werden können, sondern auch besondere Bücher, solche von unbekannten Autoren und kleinen Verlagen und zwar zu erschwinglichen Preisen.
Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt: Der Bedeutung der Buchpreisbindung für die Verlage. Es gibt – auch das ist eher untypisch für die deutsche Wirtschaft – im Verlagswesen noch eine sehr große Bandbreite. Zwar setzt auch hier eine gewisse Monopolisierung ein, d.h. große Verlage kaufen kleinere ein, einige kleine müssen aufgeben, andere große machen immer mehr Gewinn und eben all das, was man gut kennt: die Großen fressen die Kleinen.
Doch irgendwie wirkt der deutsche Buchhandel ein wenig wie das berühmte gallische Dorf, das sich noch gegen die Römer gut behauptet. Die Vielzahl der Neugründungen von Verlagen und die Tatsache, dass es immer noch unzählig viele kleine Verlage gibt, sprechen für sich.
Das bedeutet aber auch: es gibt eigensinnige Bücher, es gibt Bücher für Liebhaber bestimmter Genres, es gibt tolle Kunstbücher, Spezialbücher für alle Richtungen, wissenschaftliche Bücher, medizinische Fachbücher und alles, was man sich so denken kann. Eine unendliche Bandbreite an Angeboten ist möglich. Ein Verlag mit einer guten Idee, aber wenig Geld hat dennoch eine Chance, sich durchzusetzen.
Wenn die Buchpreisbindung aufgehoben würde, käme eine rasche Konzentration zustande. Kleine Verlage müssten ihre Bücher noch viel teurer verkaufen, sie hätten bald keine Chance mehr am Markt.
Es mag hochgestochen klingen, dennoch kann man sagen: die Buchpreisbindung, die eine Art Kulturschutzgesetz ist, sorgt dafür, dass die geistige Vielfalt in der Literatur weiter eine Chance hat.
Klar, einige Titel, die großen Bestseller beispielsweise wären ein wenig billiger zu bekommen für den Endkunden, doch im Gegenzug dafür müsste er dann, wenn er mal ein besonderes Buch bräuchte, wesentlich mehr dafür zahlen oder er bekäme es gar nicht mehr, weil sich kein Verlag die Herstellung mehr leisten könnte. Interessant wird auch die Entwicklung der Ebooks in Bezug auf die Buchpreisbindung sein, der Buchhandelsverband fordert „Buchpreisbindung auch für Ebooks“.
Zum Schluss ein kleiner Blick ins Ausland: in England, in dem vor ca. 12 Jahren die Preisbindung aufgehoben wurde, sind die Preise für Bücher um etwa 50 % gestiegen (im Gegensatz zu 28 % bei anderen Gütern) und die Menge der Verlage und Buchhandlungen ist eklatant gesunken.
Auch in Frankreich wurde die Preisbindung wieder eingeführt, nachdem durch die Abschaffung eine erschreckende Verschlechterung der Buchhandelslandschaft eingetreten ist: starke Konzentration (es gab praktisch nur noch Fnac), weniger Angebot und eine Verteuerung der Bücher. In der Schweiz wurde die Buchpreisbindung letztes Jahr abgeschafft, auch hier hat es zu einer Verteuerung der Bücher geführt, wie man im Blog von deimeke.net nachlesen kann. Zu der Verteuerung der Bücher kommt auch das oben beschrieben Sterben der Kleinbuchhandlungen, in der Schweiz ist es schon Realität.
Auch wenn man ein Befürworter des freien Marktes ist, gibt es dennoch gute Argumente für schützenswerte Ausnahmen: die Buchpreisbindung sollte, da sie letztendlich allen, den Lesern, den Händlern und den Verlagen dient, unbedingt erhalten bleiben!
